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Irmgard Jasker ist begeisterte Lehrerin, überzeugte Pazifistin und absolute Kriegsgegnerin. Schon in jungen Jahren engagierte sie sich in der Friedensbewegung, ging zum ersten Mal gegen den Vietnamkrieg auf die Straße und gründetet schließlich Anfang der 80er Jahre gemeinsam mit vielen Mitstreitern die Friedenswerksatt Wedel. In einem lebendigen Gespräch erzählt die 74jährige wie sich Frieden für sie definiert, was für Aktionen ihre Friedenswerkstatt durchführt und warum diese sogar von Bundeswehroffizieren unterstützt wird.

 

 

Wie kam es zur Gründung der Friedenswerkstatt Wedel?

„Um diese Frage zu beantworten, muss ich ein wenig ausholen. Wissen Sie, ich bin Ende des zweiten Weltkrieges geboren, meine Eltern waren Flüchtlinge aus Danzig und meine ältere Schwester wurde auf dieser Flucht erschossen, viele weitere Familienmitglieder sind umgekommen. Meine Mutter hat sehr um meine Schwester getrauert. Und durch den Krieg war unsere gesamte Familie auseinandergerissen. Ich habe also schon als kleines Kind begriffen und verstanden, dass Krieg etwas ganz, ganz Schreckliches ist. Krieg zerstört alles, macht alles kaputt. Als junge Frau habe ich dann die Proteste gegen den Vietnamkrieg miterlebt und wo immer ich konnte, habe ich mich mit den Befreiungsbewegungen solidarisch gezeigt.  Nach meinem Lehramtsstudium mit den Schwerpunkten Religion und Deutsch 1967 habe ich zunächst zwei Kurzschuljahre in Dithmarschen an einer Schule unterrichtet, bis ich 1968 nach Wedel gekommen bin, wo ich insgesamt 39 Jahre als Lehrerin gearbeitet habe. Und obwohl meine Arbeit mich stark eingespannt hat, habe ich, wann immer es ging, an Veranstaltungen zum Thema Krieg und Frieden teilgenommen. In Wedel gab es damals viele engagierte Menschen, ebenso auf Kreisebene. 

Pastor Christian Dethleffsen beispielsweise aus der Christuskirche Pinneberg hatte ins Gemeindezentrum Thesdorf eingeladen, um über Frieden zu sprechen. Zu diesem Treffen kamen so viele, dass wir die Idee hatten, ein Werkstattwochenende auf die Beine zu stellen, mit der Intention, intensiv und produktiv zu arbeiten. So kam es zur Gründung der Friedenswerkstatt Kreis Pinneberg.“

 

Wie sahen die ersten Schritte der Friedenswerkstatt aus?
„Hier in Wedel begann die Solidaritätsarbeit mit dem Interesse für Chile. Schon im April 1973 habe ich die politische und soziale Situation in Chile über die Medien mitverfolgt und mir war absolut klar, dass es zu einem Putsch kommen würde. Und trotzdem waren wir alle schockiert, als der Putsch dann tatsächlich durchgeführt wurde. Als wenig später die ersten Flüchtlinge aus Chile hierher nach Deutschland kamen, war schnell klar: Wir müssen etwas tun. Wir begannen, ein Chile-Komitee aufzubauen. Das bedeutete viele Veranstaltungen und einen Kontakt zu drei Familien von Verschwundenen aus Chile. Aus kleinen Spenden sind im Laufe der Jahre 40.000 D-Mark an diese Familien gegangen. Bis heute gibt es Beziehungen zu Chile. Anfang der 80er Jahre ging es mit der neuen Friedensbewegung los. Wir haben begonnen, die großen Demos zu unterstützen, zum Beispiel die erste große Friedensdemo mit über 500.000 Menschen in Bonn am 10. Oktober 1981. Und natürlich haben wir den Krefelder Appell unterstützt.“

 

Warum war der Krefelder Appell so wichtig?

„Der Krefelder Appell war ein Aufruf der westdeutschen Friedensbewegung an die Regierung, sich klar gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Europa zu positionieren. Er war so wichtig, weil er von über fünf Millionen Bundesbürgern unterzeichnet wurde. Ein klares Zeichen der Bevölkerung also gegen das atomare Wettrüsten. Als dann diese Raketen jedoch trotzdem stationiert wurden, habe viele resigniert, haben ihr Engagement desillusioniert eingestellt. Wir von der Friedenswerkstatt Wedel haben uns jedoch gesagt: Hey, wir verhalten uns antizyklisch, nach dem Motto – Jetzt erst recht! Fast zehn Jahre lang haben wir jeden Samstag einen Info-Stand vor der Wedeler Post in der Bahnhofstraße aufgebaut, wir waren immer von 10 bis 13 Uhr präsent.“

 

Wie wird so ein Infostand von den Passanten aufgenommen?

„Man kann sagen, dass es sehr unterschiedlich ist. In den 80er Jahren natürlich sehr gut. Wir waren aber auch viele und haben unter anderem mit Straßentheater und anderen Aktionen geworben. Inzwischen ist es oft sehr mühsam, viele Menschen spüren zwar, dass wir in angespannten Zeiten leben, aber gerade das wollen sie lieber nicht wahrhaben. Und dennoch sind wir immer wieder erfreut, wenn Menschen stehen bleiben und den Kontakt mit uns suchen. Es gibt aber auch eine gefühlte Gegenbewegung: Menschen fragen uns, sind neugierig und zeigen ehrliches Interesse.“

 

Wie ist die Friedenswerkstatt organsiert?

„Am Anfang haben wir uns ganz regelmäßig getroffen, einmal im Monat auf Kreisebene und dann einmal im Monat auf Ortsebene. Hinzu kam der Infostand jeden Samstag. Diesen konnten wir jedoch leider auf Dauer nicht halten, weil wir ja auch alle älter werden. Ganz wichtig für uns sind die Ostermärsche, seit 1983 auch jedes Jahr hier in Wedel. Das ist wichtig und gut so und wir freuen uns über verstärkten Zulauf. Die Leute, die Medien warnen immer vor einem neuen Kalten Krieg, dabei haben wir diesen schon längst, betrachtet man die angespannte Lage zwischen den USA und Russland. Das bereitet uns natürlich große Sorgen und wir organisieren dementsprechend Veranstaltungen: So zum Tag der Bundeswehr am 9. Juni, zum Hiroshima-Tag und zum Anti-Kriegs-Tag.“

 

Wie viele (aktive) Mitglieder hat die Friedenswerkstatt?

„Wir sind ja kein Verein, eher ein loses Netzwerk, deswegen ist dies ein wenig schwer zu benennen. Zu unseren Arbeitstreffen kommen so zwischen zehn und zwanzig Leute. Aber wenn wir eine richtige Aktion machen, wie zum Beispiel die Ostermärsche, dann sind wir schon so an die 100, 200 Teilnehmer. Am Hiroshima-Tag gedenken wir jährlich der Opfer und führen seit 2010 die „Nacht der Kerzen“ am Mühlenteich in Wedel durch.“

 

Was für Menschen begegnen einem in der Friedenswerkstatt?

„Es ist schon hochfaszinierend mit was für unterschiedlichen Charakteren ich durch die Friedenswerkstatt in Kontakt komme. Ich lebe in einem Umfeld von Menschen, die sich ganz bewusst für den Frieden und ein friedliches Miteinander entschieden haben. Natürlich sind wir alle sehr unterschiedlich, was uns aber verbindet ist, dass wir uns für Frieden und für Menschen, besonders für Verfolgte einsetzten. Durch unsere Friedensarbeit haben wir Kontakte zu Friedensgruppen im In- und Ausland und wir holen uns immer wieder interessante Persönlichkeiten nach Wedel, unter anderem Gregor Gysi zu der Frage: „Sind wir in guter Verfassung?“ kurz nach der Wende.“

 

Wie reagieren Sie auf Menschen, die offen „pro“ Bundeswehr und Militär eingestellt sind?

„Natürlich bin ich diesen Menschen gegenüber kritisch eingestellt. Ich hätte es auch nie für möglich gehalten, aber mittlerweile bin ich sogar mit einigen Offizieren befreundet, die auch die Friedensarbeit unterstützen. Es gibt eine Gruppe, das Darmstädter Signal, die aus kritischen Soldaten besteht. Diese Soldaten wollen Deutschland zwar verteidigen, sind aber gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr und auch gegen eine Atombewaffnung. Der erste Kontakt zu diesen Soldaten entstand vor ca. zehn Jahren. Seitdem stehen wir im regelmäßigen Kontakt und hatten auch mehrere der Offiziere als Redner beim Ostermarsch in Wedel. Der Austausch mit ihnen hat mir gezeigt, dass es wichtig ist, den Dialog zu suchen, sich auszutauschen. Wir haben also nicht nur typische Pazifisten bei uns, sondern vereinigen uns mit allen, die etwas gegen die Kriegsgefahr tun wollen. Zu uns kann jeder kommen. Und ich verurteile auch niemanden, der für die Befreiung seines Landes kämpft.“

 

Wie ist Ihre persönliche Definition von Frieden?

„Frieden ist – vom politischen Blickpunkt aus betrachtet, der Versuch, Konflikte auf diplomatischen weg zu lösen, niemanden anzugreifen und auch die Ablehnung von Auslandseinsätzen und Rüstungsexporten. Die schrecklichen Kriege, die von deutschem Boden ausgingen, sollten uns eine Lehre sein und wir müssen alles tun, damit wir Konflikte eben nicht mehr kriegerisch lösen. Das ist die Verantwortung, die wir haben. Aber nicht nur das Große, das Weltpolitische ist wichtig. Im eigenen Umfeld Frieden zu leben, halte ich für Wesentlich. Es gibt so viel, wofür man sich engagieren kann. Und Frieden hat für mich auch immer etwas mit Gerechtigkeit zu tun. Ohne Gerechtigkeit kann es keinen Frieden geben. Wir müssen uns anders verhalten. Versucht es doch mal anders – das habe ich meinen Schülern immer gesagt. Denn: Der Weg der Gewalt bringt nichts. Wer Frieden will, der muss selbst versuchen, friedlich zu agieren. Das, was wir erwarten, müssen wir selber versuchen, zu machen, soweit es uns möglich ist.“

 

Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihr Friedensengagement? Werden Sie manchmal als idealistische Weltverbesserin belächelt?

„In meinem engen Umfeld erfahre ich sehr viel Zuspruch. Aber von den Medien werden unsere Bemühungen manchmal ein wenig ins Lächerliche gezogen und uns wird vorgeworfen, wir seien zu naiv. Und klar, der Begriff idealistisch fällt schon öfter mal. Aber das finde ich in Ordnung. Diskussionen und Streitkultur sind mir wichtig.“

 

Es gibt aktuell auf der Welt so viele Krisenherde wie nie, schaut man nur auf Länder wie Syrien, den Iran, Afghanistan oder die Türkei. Was glauben Sie – warum ist es so schwer, Frieden auf der Welt zu etablieren?

„Weil wir keine gerechten Strukturen haben. Die Menschen haben nicht die gleichen Rechte, es gibt keine Chancengleichheit. Und mit Krieg, also mit Waffen – und Rüstungsexporten lässt sich nun mal viel Geld machen, hier greift der Kapitalismus. Es ist eine Systemfrage.“

 

Kriege zwingen Menschen dazu, aus Ihrer Heimat zu fliehen, unter anderem zu uns nach Deutschland. Wie beurteilen Sie die aktuelle Flüchtlingspolitik der Regierung?

„Deutschland ist – im Vergleich zu vielen anderen Ländern auf der Welt – ein reiches Land, hier herrscht Wohlstand und es gibt auch keinen Krieg, zum Glück. Daher ist es unsere Pflicht, Flüchtlinge aufzunehmen. Ich denke jedoch, dass unsere Regierung mehr für die Integration der Flüchtlinge tun könnte. Da ist noch Handlungsspielraum nach oben. Die Flüchtlingspolitik ist ein Thema, welches stark polarisiert, welches hitzig diskutiert wird. Wenn wir Deutschen eine Verantwortung haben, dann doch die, zu sagen, dass wir den Kriegsflüchtlingen helfen, dass wir ihnen helfen müssen. Und vor allem müssen wir die Ursachen bekämpfen und nicht durch Waffenlieferungen noch vergrößern.“

 

Sind die diplomatischen, internationalen Friedensbemühungen Deutschlands Ihrer Meinung nach ausreichend?

„Nein, definitiv nicht! Man kann ja von Gabriel sagen, was man will, aber er war zu mindestens ein Stück weit diplomatischer als sein Nachfolger. Ich finde die Situation in Deutschland ziemlich erbärmlich. Wir sollten uns wieder auf alte, politische Vorbilder wie Willy Brandt besinnen. Was wir dringend benötigen, ist eine Entspannungspolitik. Wir brauchen den Dialog anstatt der Eskalation.“

 

Wie bewerten Sie den politischen Kurs von Ursula von der Leyen und die damit verbundenen Umstrukturierungen bzw. Modernisierungen der Bundeswehr?

„Das ist doch nicht zu fassen! Diese Frau hat so viele Kinder, wie kann man sich als Mutter nur so verhalten, wie sie es tut? Das ist für mich unbegreiflich. Und: Modernisieren bedeutet ja in diesem Fall nichts anderes, als das Streben nach mehr Geld, mehr Geld für Aufrüstungen, um neue Waffen zu besorgen. Das verurteile ich zutiefst und empfinde es als sehr, sehr erschreckend.“

 

Wie praktizieren Sie Frieden in Ihrem alltäglichen Leben?

„Ich suche den Dialog mit meinen Mitmenschen. Wir helfen vor Ort, durch Kontakte zu Menschen in Notunterkünften, durch Unterstützung der Arbeitslosenselbsthilfe, durch Gewerkschaftsarbeit, durch Infostände, durch Veranstaltungen und zuletzt durch die Kandidatur zur Kommunalwahl. Auch privat habe ich mich immer um die Menschen bemüht. Mein Mann und ich haben zehn Jahre lang meine Eltern gepflegt, wir haben ein Kind adoptiert. Und jetzt haben wir sozusagen eine Enkelin aus Guinea – Conakry, die ich zunächst ab 2008 als Vormund betreut habe und die jetzt fest zu unserer Familie gehört. Ich habe das Glück, eine Großfamilie zu haben.“

 

 

Interview: Sophie Martin

Bilder: privat

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