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Die Iranerin Milen (Name auf Wunsch geändert) kam vor drei Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland. Trotz der nervenaufreibenden Flucht, dem Zurücklassen ihrer großen Liebe im Gefängnis und dem starken Heimweh nach ihrer Geburtsstadt Teheran, gelingt es der klugen und sensiblen Frau, sich nach und nach in die deutsche Gesellschaft zu intergieren. In dem folgenden Beitrag erzählt sie von ihren Ängsten und Befürchtungen, aber auch von ihren Zukunftsplänen und Träumen.

 

 

Mein Name ist Milen und ich bin aus Teheran, der Hauptstadt des Irans. Ich kam 2015 im Alter von 19 Jahren mit meiner Familie nach Deutschland. Nun leben wir in einer Flüchtlingsunterkunft hier in Hamburg. Unser Zimmer ist eigentlich zu klein für meine drei Brüder, meine Eltern und mich. Aber ich will mich nicht beschweren, auf gar keinen Fall, denn ich bin sehr dankbar dafür, hier leben zu dürfen.

 

Doch das Leben in Deutschland unterscheidet sich sehr von dem in Teheran. Ich kann mich hier ohne Zwang bewegen, kann zum Sprachkurs gehen und meine Meinung frei äußern. Ja, unsere Meinung äußern, einen Standpunkt beziehen, darauf legen unsere Lehrer viel Wert. Wir diskutieren oft. Das gefällt mir, denn ich kenne so etwa nicht.

 

Der Sprachkurs bringt mir sehr viel Spaß, ich beherrsche die deutsche Sprache mittlerweile auf dem Niveau B2, das macht mich ein wenig stolz. Ich weiß noch, wie ich hier in Deutschland angekommen bin und überhaupt nicht verstanden habe, worüber die Leute um mich herum sprechen. Das war schrecklich!

 

Doch jetzt verstehe ich das Meiste und ich kann mich selber sehr gut artikulieren. Das Beherrschen der Sprache hilft mir dabei, mich immer mehr in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Und das gelingt mir von Tag zu Tag besser. Einmal in der Woche gehe ich zum Tanzen, Hip-Hop, im Sportverein. Dort habe ich deutsche Freundinnen gefunden. Wir treffen uns oft, eigentlich fast jeden Tag, trinken Kaffee, tauschen Klamotten, schminken uns. Also das, was Mädels so machen. Und sie korrigieren mein Deutsch, wenn ich Fehler mache, das hilft mir sehr.

 

Manchmal, aber wirklich nur ganz selten, spreche ich mit ihnen darüber, was auf der Flucht passiert ist. Aber die Erinnerungen sind oft viel zu schmerhaft. Unsere Flucht assoziiere ich immer mit Angst, mit Todesangst. An einem Tag wäre mein Vater fast erschossen worden, er konnte sich wirklich in letzter Sekunde zu Seite werfen und so dem Tod entgehen. Und wir hatten immer zu Hunger, Hunger und Durst, manchmal so sehr, dass einem übel davon wurde. Aber wir haben unser Ziel, Europa, schließlich erreicht, lebend und wohlauf. Das ist soviel wert. Vielleicht hatten wir einen Schutzengel. Wer weiß das schon.

 

Wegen dieser Ereignisse habe ich alle zwei Wochen einen Termin bei einer Psychologin. Es war ziemlich schwer, einen Platz bei ihr zu bekommen, ich stand lange Zeit auf einer Warteliste. Doch seit nun zwei Monaten bin ich bei ihr in Therapie. Sie ist auf Traumata spezialisiert und wir reden über die Flucht, aber nur, wenn ich dazu bereit bin. Manchmal sprechen wir auch über andere Sachen, über meine Träume, meine Wünsche und Zukunftspläne.

 

Ich würde gerne den Realschulabschluss machen und danach eine Ausbildung zur Krankenschwester absolvieren. Für andere Menschen da sein, sich um Kranke und Schwache kümmern, daran hätte ich bestimmt viel Freude. Momentan schreibe ich Bewerbungen für ein Praktikum. Ich bin gespannt, ob ich eine Zusage bekomme. Das wäre eine riesige Chance für mich.

 

Im Großen und Ganzen verläuft mein Leben also gerade echt positiv. Und trotzdem bin ich oft traurig, niedergeschlagen, vielleicht ein wenig melancholisch. Mir fehlt Teheran sehr. Die Luft riecht dort anders, die Menschen haben eine andere Mentalität, eine andere Lebensart. Ich habe viel zurückgelassen. Meine Großeltern, meine Cousins und meine große Liebe. Er hatte eigentlich mit uns gemeinsam fliehen sollen, wurde jedoch einen Tag vor der geplanten Flucht inhaftiert. Ich wollte bei ihm in Teheran bleiben, wollte nicht gehen, wollte ihn nicht alleine zurücklassen. Ich war verzweifelt und hin und her gerissen. Doch meine Eltern und meine drei Brüder haben mich schlussendlich überzeugt, mit ihnen zu gehen. Das hat mein Herz gebrochen. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke. Ich mache mir große Sorgen, habe Angst um ihn. Er ist Journalist und mit Journalisten wird im Gefängnis nicht gerade freundlich umgegangen. Er hat mir eine Kette geschenkt, die ich Tag und Nacht umhabe, auf die ich aufpasse und die mir alles bedeutet. Somit trage ich immer ein Stück von ihm bei mir. Und ich betet für ihn, jeden Abend bevor ich schlafen gehe. In diesen Augenblicken ist er mir nah, ich kann dann seine Präsenz ganz deutlich spüren.

 

Teheran wird also immer meine Heimat bleiben und ich wünsche mir so sehr, eines Tages zurückkehren zu können.

 

In der Zwischenzeit können wir nur hoffen, dass sich die Lage im Iran entspannt, dass die Gewalt endet. Und dass mein Freund freikommt. Diese Hoffnung ist alles, was uns bleibt.

 

 

Text: Sophie Martin

Fotos: pixabay

 

 

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