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Benjamin Jürgens ist leidenschaftlicher und herzlicher Gastgeber, die Gastronomie liegt ihm im Blut, hinter der Bar und im Service fühlt er sich am wohlsten. 2015 gründete er die Hamburger Refugee Canteen um sein gastronomisches Wissen an Geflüchtete weiterzugeben. In dem folgenden Gespräch erklärt Benjamin, welches Konzept er mit seinem Projekt verfolgt, warum Essen für ihn auch Integration ist und wie er selber überhaupt den Einstieg in die Gastronomie gefunden hat.

 

 

Wie bist Du in die Gastronomie gekommen?

„Ich bin Quereinsteiger, habe eigentlich eine Ausbildung zum IT-Fachmann absolviert. Doch vor nun schon mehr als 16 Jahren hatte ein guter Freund von mir, der hier in Hamburg ein Restaurant hatte, einen Virus auf seinem Computer. Er bat mich, ihm zu helfen. Nachdem ich diesen Virus erfolgreich beseitigen konnte, hat Manuel mich eingeladen, zum Essen zu bleiben. Ich habe daraufhin geantwortet, dass dies leider nicht ginge, ganz einfach aus dem Grund, weil ich kein Geld hatte. Doch Manuel erwiderte nur, dass dies ein Familienessen sei, zu dem er mich herzlich einladen würde. Das war für mich der Paradigmenwechsel. Ich kannte so etwas Familiäres nicht, ich bin eher in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, habe meine Kindheit in Mümmelmannsberg verbracht, wir hatten immer wenig Geld. Manuel erklärte mir daraufhin, dass er und sein Team jeden Abend zusammensitzen und Abendbrot essen würden. Dieser Moment war für mich der Einstieg in die Gastronomie. Denn ich beschloss, bei Manuel anzufangen.“

 

Wie ging es dann weiter?
„Da ich zuvor noch nie in einem Restaurant gearbeitet hatte, begann meine gastronomische Karriere bei Kofi an der Spüle. Wir einigten uns auf einen Lohn von fünf Euro pro Stunde. Doch ich war fleißig und motiviert. Nach drei Monaten war ich von der Spüle weg, übernahm andere Aufgaben. Nach weiteren drei Monaten war ich Teil der Geschäftsführung. Später habe ich ein Catering-Unternehmen aufgebaut, wobei wir viele Film- und Werbeagenturen betreut haben.“

 

In was für Restaurants hast du schon gearbeitet?

„Küchen habe ich von A bis Z kennengelernt. In diesem Bereich gibt es wirklich wenig, von dem ich sagen kann, da war ich noch nicht. Viel Erfahrung konnte ich in der französisch – europäischen Küche sammeln.“

 

Du hast 2015 die Refugee Canteen Hamburg gegründet. Wie kam es dazu?

„Ich habe ein Problem gesehen: In der Gastronomie gibt es schon seit längerem einen immensen Fachkräftemangel. Auf der anderen Seite steckt ein riesiges Potenzial in den vielen Geflüchteten, die nun hier in Deutschland sind. Ich dachte mir, dass man diese beiden Gegebenheiten doch sinnvoll miteinander verbinden könnte. Daraufhin habe ich mit einigen Freunden, die Koch sind, überlegt, was man machen könne. Wir hatten dann die Idee für eine Art gastronomische Vorschule. Also habe ich in einer Nachtschicht ein Konzept runtergeschrieben und dies bei der KFW-Stiftung eingereicht. Glücklicherweise sind wir genommen wurden.“

 

Was für ein Konzept verbirgt sich hinter der Refugee Canteen?
„Im Grunde genommen, ist dies ganz einfach erklärt: Wir sind die erste gastronomische Vorschule. Wir erproben uns hier, es dürfen Fehler gemacht werden und es gibt auch keine Noten. Ein Kurs bei uns dauert drei Wochen, danach erfolgt ein Praktikum in einem Hotel oder Restaurant unserer knapp 30 Kooperationspartner. Dieses Praktikum findet dort statt, wo sich unsere Teilnehmer wohlfühlen. Wir haben mit unseren Kooperationspartnern die Vereinbarung, dass im Anschluss an das Praktikum ein Job oder eine Ausbildung folgen muss. In der Vorschule lernen unsere Schützlinge alles, was sie brauchen, damit dieses Praktikum ein Erfolg wird. Wir haben eine Vermittlungsquote von 58 Prozent. Und wir arbeiten mit Food -Trucks, Restaurants und Bars zusammen – alles im Gastgewerbe ist dabei.“

 

Wie läuft so ein Kurs konkret ab?

„Alles beginnt mit einem Bewerbergespräch. Zu uns kommen die Geflüchteten, weil sie uns gefunden haben und nicht, weil wir sie suchen oder weil das Jobcenter sie schickt. Die meisten finden uns durch unsere Präsenz in den sozialen Medien. Für uns ist in diesem ersten Gespräch nicht wichtig, wo derjenige herkommt, sondern ob er Lust auf diese Branche hat, ob er Spaß am Kochen hat, sich für den Service interessiert oder einfach gerne Gastgeber ist. Der erste Tag startet in der Regel um 10 Uhr. Wir beginnen mit einer Begrüßungsrunde und erklären dann, wohin die Reise geht. Da wir mit Menschen arbeiten und Menschen alle unterschiedlich sind, fällt auch dieser erste Tag immer unterschiedlich aus. Phillip, der Projektleiter, spricht manchmal schon am ersten Tag das Thema Arbeitssicherheit an, oft haben wir aber auch das Thema Begehung mit der Frage: wo sind wir überhaupt? Also machen wir eine Führung durch unser Viertel, denn uns ist ein harmonisches Zusammenleben mit unseren Nachbarn sehr wichtig. Der erste Tag zeigt uns aber auch, wie belastbar unsere Teilnehmer sind. Er geht daher nie länger als fünf Stunden. Und wir schauen, was die Teilnehmer so mitbringen: Ist es eher ein sehr Bar – lastiger Kurs oder geht das Ganze mehr in Richtung Kochen? Oft mixen wir auch beide Komponenten. In der letzten Runde hatten wir beispielsweise eine sehr kochaffine Truppe.“

 

Was genau wird in der Praxis erprobt?

„Ich würde immer sagen, dass wir die Basis erproben. Die Basis mit einigen Quereinflüssen. Was wir jedoch nicht machen, was aber viele immer denken, ist, dass wir hier arabisch oder persisch kochen. Uns geht es darum, dass unsere Teilnehmer die Küche, die hier angeboten wird, kennenlernen. Diese kann deutsch sein, ist aber oft auch international oder cross over. Am Ende des Tages sollen sich unsere Teilnehmer mit dem Betrieb unserer Kooperationspartner vertraut machen. Wir setzen Schwerpunkte auf Warenkunde und auf einen professionellen Service. Und wir machen Ausflüge, besuchen Bars und Restaurants oder auch mal den botanischen Garten. Man muss verstehen, dass unser Programm wie ein Open Source Programm ist: Die Branche teilt uns mit, was sie braucht und daraufhin passen wir unsere Lehrmodule an. Das dies viel wechselt, versteht sich von selbst. Immer so, wie der Kurs uns bestimmt, fährt unser Boot. Allerdings sitzen wir am Ruder.“

 

Und womit schließt so ein Kurs ab?

„In der Regel mit einem Abschlussessen, wo die Teilnehmer dann doch mal ihr heimisches Essen zubereiten. Dieses Zusammensein, dieses Zusammenessen, das verläuft immer sehr entspannt. Es gibt aber auch eine klare Fokussierung darauf, wie es jetzt weitergehen soll, wie das bevorstehende Praktikum ablaufen soll. Viele sind aufgeregt. Unser Job ist es auch, zu beruhigen, positiv zu bestärken.“

 

Was für ein Feedback bekommt ihr?

„In der Regel bekommen wir ein sehr gutes Feedback. Unsere Teilnehmer fühlen sich wohl, die Kooperationspartner sind zufrieden. Etwa 30 Prozent der Teilnehmer brechen ab, sie treffen die Entscheidung, nicht weiter in der Gastronomie zu arbeiten, bleiben aber für ein Jahr in unserem Mentoring - Programm.“

 

Was hat es mit dem Mentoring – Programm auf sich?
„Jeder, der zu uns kommt, ist automatisch für ein Jahr in unserem Mentoring- Programm. Es ist mehr so eine Art Begleitung, eine Unterstützung. Wir befinden uns dabei in einem direkten und vor allem ehrlichen Austausch mit unseren Teilnehmern, machen jemanden also auch mal klar, dass der Weg, den er gerade einschlägt, vielleicht nicht unbedingt der richtige ist. Und wir begleiten zu wichtigen Terminen, zum Beispiel zur Ausländerbehörde oder zum Jobcenter. Das Ganze ist sehr facettenreich. Ich muss an dieser Stelle jedoch hinzufügen, dass wir keine psychischen Probleme behandeln, denn dafür sind wir schlichtweg nicht ausgebildet. Wir haben aber ein Netzwerk mit Adressen, an die wir verweisen können.“

 

Was genau ist Deine Aufgabe innerhalb der Refugee Canteen?

„Ich kümmere mich vor allem um das Netzwerk draußen. Ich gehe also in die Hotels und Restaurants und führe dort dann Coachings durch, damit die Mitarbeiter wissen, was während der Praktika auch auf sie zukommt. Es geht dabei vor allem darum, wie die Geflüchteten gut in die Arbeitsprozesse integriert werden können. Glücklicherweise darf ich aber auch noch sehr viel träumen, davon, wie es in der Zukunft weitergeht. Ich bin also der Träumer, Phillip ist der Kritiker und gemeinsam sind wir die Schaffenden.“

 

Habt ihr noch mehr Mitarbeiter?

„Ja, wir haben noch Christine bei uns mit in der Runde. Sie ist momentan unsere Geschäftsführung und kümmert sich vor allen um das Organisatorische. Sie ist ein wenig wie die Brücke zwischen Phillip und mir.“

 

Ist Sprache manchmal ein Hindernis?

„Ja, klar. Wir setzen Sprachkenntnisse auf dem Niveau B1 voraus. Viele Teilnehmer erfüllen diese Voraussetzung auf dem Papier jedoch nicht, weil sie die Prüfung nicht geschafft haben. Sie haben also offiziell nur das Niveau A2, obwohl sie eigentlich schon weiter sind. Unser Kurs hilft den Teilnehmern immens dabei, ihr Deutsch zu verbessern, ganz einfach aus dem Grund, weil hier nur Deutsch gesprochen wird. Die Teilnehmer lernen also jeden Tag viele neue Vokabeln und Begriffe.“

 

Wie finanziert ihr euch?
„Wir finanzieren uns hauptsächlich aktuell über die Hans – Weisser - Stiftung, die Schöpflin - Stiftung und die Behörde für Soziales, Familie, Arbeit und Integration, kurz BASFI. Das Programm ist bis zum 31.05.2019 finanziert und dann müssen wir schauen, wie es weitergeht.“

 

Was für Menschen kommen zu euch?

„Zu uns kommen Geflüchtete aus Afghanistan, Syrien, dem Iran oder Eritrea. Es sind oft Härtefälle, also nicht unbedingt die, die einen gesicherten Status haben. Aber durch unsere Hilfe können sie vielleicht einen gesicherten Status erreichen. Das ist uns wichtig.“

 

Was ist Deiner Meinung nach wichtig für eine gelungene Integration?

„Integration braucht vor allem Zeit. Ich glaube, der Rest ist Fleiß, ist das Interesse auf beiden Seiten. Nicht nur ein Flüchtling muss sich integrieren, auch die Gegenseite muss reagieren, muss offen, aufgeschlossen sein. Dies ist eine Voraussetzung, die einfach gegeben sein muss. Und für mich hat Essen ganz viel mit Integration zu tun. Bei meinen zahlreichen Reisen war Essen immer ein Mittel, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Wenn ich mit jemanden übers Essen rede, ist dies oft der Auftakt für ein gutes Gespräch. Und es hat mir geholfen, mich mit dem Araber, dem Südkoreaner, dem Thailänder und dem Afghanen hinzusetzen und zu sagen: Lasst uns über das Essen sprechen, der Rest kommt von ganz alleine. Denn Essen verbindet. Und es baut ein erstes Vertrauen auf. Wenn ich etwas esse, was du für mich gekocht hast, dann vertraue ich dir.“

 

Du reist gerne. Wo warst Du schon überall?

„Ich habe mittlerweile an die 35 Länder bereist, darunter auch viele Kriegsländer. Nach dem Motto: immer dahin, wo das Chaos ist. 2006 war ich beispielsweise in Malawi, habe dort ein Praktikum für die amerikanische Botschaft gemacht. Das Reisen hilft mir, mich und mein Weltbild zu hinterfragen. Und ich lerne die heimische Küche kennen. Aber um so etwas machen zu können, musste ich dann halt nachts an der Bar arbeiten, um das nötige Geld dafür zu verdienen.“

 

Was ist Dein Lieblingsessen?

„Mein absolutes Lieblingsessen ist Kartoffeln mit Spinat von meiner Oma. Das weckt Kindheitserinnerungen in mir. Darüber hinaus bin ich der asiatischen Küche sehr zugewandt.“ 

 

Was bedeutet Gastronomie für Dich?

„Das Spannendste an der Gastronomie ist für mich, Gastgeber zu sein. Das hat für mich viel mit Vertrauen und Offenheit zu tun. Als Gastgeber muss man sich treu blieben, die eigene Linie verfolgen – das liegt mir.“

 

Was wünscht Du Dir für die Zukunft der Refugee Canteen?

„Gemeinsamkeit ist hier das Schlüsselwort. Wir versuchen sehr stark, andere Träger, andere Gastronomen mit uns zu verbinden, sie mit in unser Netzwerk aufzunehmen. Denn wir sind alle Teil einer Lösung.“

 

Das Interview führte Sophie Martin

Fotos: Uta Gleiser

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