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Wer wollte, dass ihre Stimme für immer verstummt? Der Mord an Anna Politkowskaja ist bis heute nicht endgültig geklärt, wirft Rätsel auf, lässt Fragen offen. Fest steht: Die passionierte Journalistin, Menschenrechtsaktivistin und kritische Autorin mehrerer Bücher war vor allem eins – Putin und Kreml Gegnerin. Immer wieder prangerte sie die Menschenrechtsverletzungen im Tschetschenienkrieg an – bis sie schließlich heute vor 12 Jahren, am 7. Oktober 2006, in ihrem Wohnhaus in Moskau erschossen wurde.

 

 

„Wenn dieser Mord nach dem üblichen russischen Muster abläuft, wird nie ein Verdächtiger gefunden und kein Mörder wird jemals vor Gericht gebracht werden…“

Die Washington Post vom 9. Oktober 2006

 

 

Anna Politkowskaja wurde am 30. August 1958 in New York geboren. Ihre Eltern waren gebürtige Ukrainer, beide arbeiteten im diplomatischen Dienst der Sowjetunion bei den Vereinten Nationen. Im Alter von 20 Jahren heiratete Anna Politkowskaja den Journalisten Alexander Politkowski. Für beide war es die große Liebe und für ihren Mann beschloss Anna Politkowskaja, sich ein Leben in Russland aufzubauen und nicht in den USA. Dennoch behielt sie auch weiterhin die amerikanische Staatsbürgerschaft.

 

Ein Leben für den Journalismus

Bis 1980 studieret die junge Anna Politkowskaja Journalistik an der renommierten Lomonossow- Universität in Moskau, arbeitete anschließend für verschiedenste russische Medien. Von 1982 bis 1993 schrieb sie unter anderem für die sowjetische Tageszeitung Iswestija sowie für die Zeitschrift Megapolis-Ekspress. In den Jahren 1994 bis 1999 war sie leitenden Redakteurin für Notfall - und Krisensituationen, später dann stellverstretenden Chefredakteurin bei der Wochenzeitung Obschtschaja Gaseta.

Anna Politkowskaja betrieb einen kritischen, investigativen Journalismus. Und sie war eine überzeugte Menschenrechtsaktivistin. Während des zweiten Tschetschenienkrieges gehörte sie zu den wenigen Journalisten, die versuchten, die Wahrheit darzustellen. Somit berichtete sie aus diesem Krisengebiet im stetigen Widerspruch zur offiziellen, medialen Darstellung in Russland.

Sie zeigte Kriegsverbrechen der russischen Armee auf, schrieb über Folter, Mord und Korruption. Für Anna Politikowskaja war dieser Krieg ein „schmutziger Krieg“.

Doch was genau ist im Tschetschenienkrieg überhaupt passiert?

 

Krieg in Tschetschenien

Der Erste Tschetschenienkrieg dauerte von 1994 bis 1996. Als Ergebnis konnte die Tschetschenische Republik Itschkerien ihre Unabhängigkeit behaupten. Doch der zweite Tschetschenienkrieg folgte rasch: er fing 1999 an und endete im April 2009. Dieser erneute militärische Konflikt in der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien begann mit den Bombardements der tschetschenischen Luftwaffe an der Grenze zur russischen Nachbarprovinz Dagestan.

In den darauffolgenden Kämpfen wurden bis zum 26. August 1999 mehr als 73 russische Soldaten getötet, über 259 wurden verletzt.

Parallel zu diesen Bombardements kam es in Moskau und weiteren russischen Städten zu Sprengstoffanschlägen. Putin machte tschetschenische Terroristen für die Taten verantwortlich und erklärte Tschetschenien daraufhin offiziell den Krieg, obwohl es keinerlei Beweise für tschetschenische Täter gab.

Am 1. Oktober 1999 fiel die russische Armee erneut in Tschetschenien ein, mit dem Ziel, die Regierung unter Aslan Maschadow zu stürzen. Russland begründete dieses Vorgehen damit, dass Maschadow in kriminelle Machenschaften verwickelt sei und zudem die Rebellen unterstützen würde.

Die russische Armee verbuchte schnell erste Erfolge, sie eroberte einen Großteil des tschetschenischen Flachlandes sowie die Hauptstadt Grosny. Daraufhin tauchte Präsident Maschadow zusammen mit den Rebellen in den Untergrund ab.

Diese russische Invasion endete im Frühjahr 2000. Russland ließ jedoch seine Truppen weiterhin vor Ort stationiert, um eine Rückkehr der Rebellen und Maschadows zu verhindern.

Unter den verbliebenden tschetschenischen Verbänden befanden sich auch internationale Dschihad-Kämpfer. Diese verübten immer wieder Anschläge gegen die russische Armee.

Ein Jahr später startete Russland eine „Antiterror-Operation“ mit dem Ziel, den tschetschenischen Widerstand endgültig zu zerschlagen. Im Verlauf dieser Operation gelang es Russland nach und nach, wichtige Führungspersonen des tschetschenischen Widerstands auszuschalten, darunter auch den Präsidenten Aslan Maschadow.

In den nächsten Jahren kam es immer wieder zu massiven Anschlägen und Angriffen sowohl durch die russische Armee als auch durch die tschetschenischen Rebellen.

Über all diese Vorfälle berichtete Anna Politkowskaja. Sie klagte dabei vor allem die schweren Menschenrechtsverletzungen durch die russische Armee an. Tausende Zivilisten, darunter vorwiegend junge, tschetschenische Männer, wurden seit Beginn des Krieges unter dem Vorwurf des Terrorismus verschleppt, gefoltert und schlussendlich ermordet. Hinzu kamen die zahlreichen Vergewaltigungen, Plünderungen und Erpressungen der Zivilbevölkerung durch die Sicherheitskräfte an den vielen Kontrollpunkten.

Mit ihrer Berichterstattung über diese schweren Verbrechen machte sich Anna Politkowskaja ernstzunehmende Feinde.

 

Die Ermordung einer überzeugten Menschenrechtsaktivistin 

Anna Politkowskaja wurde am Samstag, den 7. Oktober 2006 um 16 Uhr ermordet. Tatort war der Aufzug ihres Wohnhauses in der Lesnaja-Straße in Moskau. Insgesamt wurde fünfmal auf sie geschossen, vier Kugeln trafen sie in die Brust, eine weitere in den Kopf. Sie war sofort tot.

Ihre Ermordung wurde von den westlichen Medien als ein Symbol für die Herrschaft und Macht Putins ausgelegt. Doch auch in Russland gab es die unterschiedlichsten Theorien zu diesem Mord. Die russische Politik mutmaßte über eine Beteiligung der Führung der Tschetschenischen Republik. Für Ramsan Kadyrow, den Präsidenten der Tschetschenischen Republik, galt Boris Beresowski als Auftraggeber.

Doch was sollte sein Motiv gewesen sein?

 

Die Machenschaften des Boris Beresowski

Natalja Koslowa, Journalistin der „Russischen Regierungszeitung“, vermutete ebenfalls, dass Boris Beresowski den Mord organisiert habe, um einen Anlass zur Kritik an der Regierung Russland unter Putin zu schaffen. Es sollte so aussehen, als habe Putin den Mord inszeniert.

Beresowski baute sich in den 90er Jahren mit dem Handel von Autos ein Vermögen auf, hatte Verbindungen zu Banken und Ölkonzernen, kontrollieret darüber hinaus die russischen Medien.

Beresowski und Putin waren einst Weggefährten. Als es darum ging, einen Nachfolger für den kranken Boris Jelzin zu finden, unterstütze Beresowski den damaligen Geheimdienstchef Putin. Doch kaum hatte Putin Macht im Kreml, distanzierte er sich von seinem ehemaligen Ziehvater. Aus den ehemals Verbündeten wurden erbitterte Rivalen.

Ob und wie der inzwischen verstorbene Beresowski nun tatsächlich in die Ermordung Anna Politkowskaja involviert war – darüber lässt sich nur mutmaßen.

 

Schwierigkeiten bei der Aufklärung dieses Verbrechens

Im November 2006 organisierte die NGO Reporter ohne Grenzen eine Unterschriftensammlung mit dem Ziel, dass eine internationale Kommission zur Untersuchung des Mordes an Anna Politkowskaja eingesetzt werden solle. 6000 Unterschriften kamen zusammen, zu den Unterzeichnern gehörten auch Prominente wie die Politiker Bernard Kouchner und Daniel Cohn-Bendit, die Schauspielerin Jeanne Moreau oder der Philosoph André Glucksmann.

Ein dreiviertel Jahr später sei der Fall Politkowskaja laut dem Untersuchungskomitee „so gut wie aufgeklärt“. Am 27. August 2007 verkündete Juri Tschaika, der damalige Generalstaatsanwalt, die Festnahme von zehn Tatverdächtigen. Darunter waren vor allem Tschetschenen, aber auch Sergej Chadschikurbanow, Offizier im Innenministerium, und der Oberstleutnant des Geheimdienstes FSB, Pawel Rjagusow.

Im Mai 2008 nannten die russischen Ermittlerbehörden den Tschetschenen Rustam Machmudow als mutmaßlichen Todesschützen Anna Politkowskajas. Dieser konnte sich jedoch vor seiner Verhaftung ins Ausland absetzen.

Am 3. Okotber 2008 wurden Chadschikurnanow und  Rjagusow sowie zwei Büder Machmudows vor einem Moskauer Militärgericht angeklagt. Der Prozess endete jedoch am 19.Februar 2009 mit einem Freispruch für alle vier Angeklagten aus Mangel an Beweisen.  

Im Juli dieses Jahrs kam der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte nach langer Recherche zu der Erkenntnis, dass die russischen Behörden nicht angemessen und gründlich ermittelt hätten. Russland muss nun ein Schmerzensgeld in Höhe von 20.000 Euro an die Angehörigen Anna Politkowskajas zahlen. Diese hatten zuvor in Straßburg Beschwerde eingelegt.

In Russland hat es in der jüngsten Vergangenheit immer wieder Morde mit politischen Hintergründen gegeben. Diese Taten werden jedoch nur sehr selten vollständig aufgeklärt.

Die Familie Anna Politkowskajas sowie ihre journalistischen Kollegen jedenfalls suchen weiter nach den Hintermännern.

 

Monographien und Auszeichnungen

Anna Politkowskaja brachte insgesamt drei Bücher heraus:

Im Jahr 2003 erschien der Titel Tschetschenien: Die Wahrheit über den Krieg, zwei Jahre später In Putins Russland und 2006 schließlich ihr wohl bekanntestes Werk Russisches Tagebuch.

Und Anna Politkowskaja erhielt im Laufe ihrer Karriere zahlreiche Auszeichnungen. 2003 bekam sie den Lettre Ulysses Award, 2004 den Olof-Palme-Preis und 2005 den Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien. Postum wurden ihr der Guillermo-Cano – Preis sowie der Geschwister-Scholl-Preis verliehen.

 

Text: Sophie Martin

Fotos: pixabay

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