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Vor ungefähr einem Jahr begegneten der junge Afghane Farid (Name auf Wunsch geändert) und ich uns zum ersten Mal. Ich recherchierte in einer Flüchtlingsunterkunft und war mit Farids älteren Bruder zum Interview verabredet. Farid saß auf der Fensterbank, die Beine angewinkelt, vor sich ein Notizbuch, ganz vertieft in das Schreiben. Ich fragte ihn, was er da schreibt, er schaute kurz zu mir auf, der Blick wach und offen, antwortete dann: „Ich schreibe Briefe an Ava“.  Später, bei einer Tasse Tee, erzählte mir Farids Bruder, dass Ava die große Liebe seines Bruders ist, die er nach seiner Flucht 2015 in Kabul zurücklassen musste. Und er betonte auch, dass Farid voller Talente stecke, was das Schreiben anginge. In einem Gemeinschaftsprojekt hat Farids Bruder einige der Briefe Farids vom Persischen (Dari) ins Deutsche übersetzt, anschließenden habe ich den Texten den literarischen Feinschliff gegeben. Einen dieser Briefe lesen Sie hier.

                                                                                                                                                                             

Hamburg, 17. Oktober 2017

 

Liebe Ava,

 

heute Morgen bin ich aufgewacht und es war kalt. Plötzlich war mir bewusst, dass der Sommer nun vorbei ist, endgültig, der Herbst ist dabei, ihn abzulösen, mit immer schnelleren Schritten, unaufhaltsam, unvermeidbar. Vor meinem Fenster steht ein Baum, ich glaube, es ist eine Eiche, aber sicher bin ich mir nicht. Seine Blätter verfärben sich jeden Tag ein wenig mehr und jeden Tag fallen mehr Blätter auf den Boden, lautlos, sanft schwebend. Manchmal schaue ich ihnen dabei zu, auf der Fensterbank sitzend, während ich eine Zigarette rauche.

 

Mehr als zwei Jahren sind vergangen, seit ich Dich das letzte Mal gesehen habe. Ich weiß, es ist altmodisch, vielleicht sogar albern, Briefe zu schreiben. Aber wenn ich mit der Hand schreibe, kann ich meine Gefühle besser zum Ausdruck bringen. Also schreibe ich Dir, immer und immer wieder. Doch ich schicke die Briefe nie ab. Weil ich Dich eigentlich vergessen will, nicht mehr an Dich denken will, denn es tut zu sehr weh.

 

Ich vermisse Dich. Schmerzlich. Jeden Tag, jede Nacht. Deine Art zu lachen, den Duft Deiner Haare, der Blick aus Deinen sanften haselnussbraunen Augen, wie sie mich anschauen, voller Liebe, voller Güte. Also schreibe ich Dir. Um Dir nah zu sein. Manchmal täglich. Dann sitze ich mit meinem Notizbuch auf der Fensterbank und betrachte den Baum, von dem ich glaube, dass er eine Eiche sei.

 

Mir gefällt das, zu schreiben, mit den Worten zu spielen, mit ihnen zu jonglieren. Ich mag ihre Kraft und ihre Poesie.

 

Hier in Deutschland ist alles ganz anders als bei uns zuhause. Die Sprache klingt anders, das Essen schmeckt anders, die Luft fühlt sich anders an. Es regnet oft. Und es ist kalt. Ich habe noch nie so oft gefroren wie hier in Hamburg. Manchmal wache ich nachts auf, weil ich friere oder weil ich von Dir träume, so lebendig, so real.

 

Ich kann es mir nicht verzeihen, ohne Dich gegangen zu sein. Aber wäre ich geblieben, dann wäre ich jetzt tot, soviel steht fest. Hier in Deutschland bin ich sicher, so sicher, wie man eben sein kann, in einer fremden Stadt, wo alles anonym, unverbindlich und namenlos ist. Doch diese Sicherheit macht mich nicht glücklich, sie beruhigt mich vielleicht allemal.

 

Ich frage mich oft, was Du machst, wie es Dir geht. Mein Bruder fragt mich dann immer, warum ich dich nicht einfach anrufe oder mit dir skype. Ich kann das nicht. Denn dann wärst Du mir nah, obwohl Du tausende von Kilometern entfernt bist und ich würde Dich nur noch mehr vermissen.

 

Also schreibe ich Dir diese Briefe, die Dich niemals erreichen werden, packe sie in eine Schatulle aus gebleichtem Holze, bewahre sie darin auf wie einen wertvollen Schatz.

Und ich werde nie aufhören, Dir zu schreiben. Genauso, wie ich Dich wohl auch nie, nie, nie vergessen werde.

 

Bald wird der Tag gekommen sein, an dem die Eiche auch ihre letzten Blätter verloren hat. Bis es soweit ist, werde ich die Blätter weiter beim Fallen beobachten. Das beruhigt mich.

 

Und ich werde weiter an Dich denken. Und Dir schreiben. In meinen Gedanken bin ich bei Dir. Immer.

 

In Liebe,

Farid

 

Bilder: pixabay

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