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Für Ata Anat sind nicht nur Menschen, die vor Krieg oder schlechten ökonomischen Bedingungen fliehen, Flüchtlinge. Er fasst diesen Begriff weiter, spricht auch Jugendliche an, die zum Beispiel vor familiären oder schulischen Problemen flüchten, Jugendliche, die sich in emotionalen Krisen, in misslichen Lagen befinden und ein Ventil für ihre Gefühle brauchen. Doch wie kann man diesen jungen Menschen helfen? Musik ist die Antwort – sagt der 32-Jährige, der selber einen Migrationshintergrund hat und mit sieben Jahren zusammen mit seiner Familie aus der Türkei nach Deutschland kam. Nach der Fachholschulreife in Düsseldorf probierte er sich beruflich viel aus, begann zunächst eine Lehre in einer Bank, studierte Sozialpädagogik und Sport. Und schon immer stand die Arbeit mit Kindern, mit Jugendlichen im Fokus seines Schaffens. Bis heute arbeitet Ata Anat als Fußballcoach, trainiert eine eigene Mannschaft. Im Dezember 2017 gründete er dann Rap for Refugees e.V., ein Verein, der neben regelmäßig stattfindenden Festivals auch diverse Workshops rund um Rap und Hip-Hop für Jugendliche anbietet. Welche Ziele er mit seiner Arbeit verfolgt, wie das ganze Projekt finanziert wird und welche Events als nächstes geplant sind, davon erzählt Ata Anat in dem folgenden Interview.

 

 

 

Seit wann gibt es den Verein Rap for Refugees?
„Rap for Refugees ist ursprünglich ein Festival gewesen. 2017 entstand dies eigentlich nur aus einer Idee heraus. Ich wollte etwas Neues, etwas Cooles machen, etwas Hoffnungsvolles und Vielfältiges, wo man Haltung dafür zeigt, wofür man steht. Im Sommer habe ich einen Kooperationspartner, Basis und Woge e.V., gefunden. Basis und Woge e.V. engagiert sich ja enorm in verschiedensten Bereichen und das nicht nur für Geflüchtete, sondern zum Beispiel auch für Straßenkinder. Als ich denen meine Idee präsentiert habe, sagten sie sofort, dass sich das Ganze echt gut anhöre und dass es darüber hinaus wohl auch Spenden einbringen würde. Wir haben dann also zusammen 2017 das erste Festival hier in Hamburg in der Markthalle auf die Beine gestellt. Es kamen an die 450 Gäste und für das erste Mal war die Stimmung echt gut. Insgesamt sind 12 Künstler aufgetreten, darunter der Hamburger Rapper Disarstar. Wir haben aber bewusst eher kleinere, unbekanntere Acts ausgewählt. Leider haben wir dann doch mit dieser Veranstaltung Minus gemacht, das lag wohl vor allem daran, dass wir im Vorfeld keine Fördergelder beantragt hatten. Und trotzdem hat Basis und Woge e.V. hinterher gesagt, dass das Ganze unbedingt weitergehen müsse, weil das Festival einfach nur schön gewesen ist. Also kam der Vorschlag, auch 2018 ein weiteres Festival zu organisieren. Zu diesem Zeitpunkt kam auch die Idee auf, Rap for Refugees mit Workshops weiter auszubauen. Gesagt – getan. Wir begannen also mit der Planung des nächsten Festivals, ich habe mir hierfür die richtigen Leute gesucht und jemand machte den Vorschlag, einen Verein zu gründen, eben weil wir dadurch dann auch Fördergelder beantragen könnten. So kam es im Dezember 2017 zur Gründung des Vereins Rap for Refugees e.V. durch insgesamt elf Gründungsmitglieder, die alle ehrenamtlich arbeiten. Kurz darauf – im Januar 2018 – starteten die ersten Workshops im Bereich Rap und Beatboxen und im Februar 2018 fand unser zweites Festival erneut in der Markthalle statt, welches mit über 1000 Gästen ausverkauft gewesen ist. Wir konnten mit den Einnahmen das Minus der ersten Veranstaltung ausgleichen und sogar noch einen Teil für Mission Lifeline spenden. Es war auf allen Ebenen ein erfolgreiches Festival und danach ging es direkt mit den Workshops weiter.“

 

Was ist die Idee, die Philosophie von Rap for Refugees?

„Hauptsächlich geht es darum, Menschen, die aus prekären Lebenssituationen kommen oder sich in einer Fluchtsituation befinden, zu unterstützen. An dieser Stelle ist es ganz wichtig, zu verstehen, zu begreifen, was der Begriff Refugee eigentlich für uns bedeutet. Ein Flüchtling ist natürlich an der Basis und auch laut Duden jemand, der aus dem Ausland wegen beispielsweise Krieg oder auch aus wirtschaftlichen Gründen flieht, um sich hier ein neues Leben aufzubauen. Für uns aber kann jeder zu einem Geflüchteten werden. Wir sprechen also auch Jugendliche an, die vielleicht zu Hause oder in der Schule Probleme haben und eben davor flüchten. Sie alle brauchen ein Ventil, unabhängig davon, ob aus emotionaler Hinsicht oder weil sie eine Geschichte haben, die sie verarbeiten müssen. Wir bieten ihnen durch Hip-Hop diese Möglichkeit. Der Grund, weswegen wir uns für Hip-Hop entschieden haben, ist folgender: Hip-Hop bietet einfach die verschiedensten Ausdrucksformen wie zum Beispiel Zeichnen, Sprayen oder Graffiti. Wenn man darauf keine Lust hat, dann gibt es die Musik. Rappen, Singen oder Beatboxen – die Möglichkeiten sind vielfältig. Und nicht zu vergessen -das Tanzen. Wir haben also ein umfangreiches Angebot, welches von den Jugendlichen genutzt werden kann.“

 

Welche Ziele verfolgt ihr mir eurer Arbeit?

„Für uns geht es darum, den jungen Menschen – unabhängig davon, ob das durch die Workshops oder durch die Festivals kommt, ein Sprachrohr zu bieten. Es ist wichtig, dass die Geschichten dieser jungen Menschen erzählt werden. Sie sollen eine Reichweite bekommen. Diese Reichweite wollen wir mit etablierten Künstlern aber auch mit Newcomern erschaffen. Diese sind unsere Zugpferde für ein großes Publikum. Wie schon erwähnt, im Januar 2018 sind wir ja mit den Workshops gestartet und nach sechs Wochen hatten viele von den teilnehmenden Jugendlichen schon ihren ersten Auftritt bei dem Festival im Februar und das vor über 1000 Gästen. Die Rückmeldungen, die wir danach von den Jugendlichen bekommen haben, waren durchweg positiv und auch ziemlich emotional. Das bestärkt uns natürlich in unserer Arbeit.“

 

Wie sieht euer Angebot im Detail aus?

„Wir bieten Rap an und dieses Angebot bildet die Basis unserer Arbeit. Darüber hinaus gibt es Beatboxen und Graffiti. Im Graffiti-Workshop wird zunächst gezeichnet und danach gesprayt. Abgerundet wird dieses Angebot durch Hip-Hop-Tanz und Breakdance und natürlich gibt es auch Gesangs-Workshops. Alle Workshops finden im Media-Dock auf den Elbinseln in Wilhelmsburg statt, immer dienstags, mittwochs und donnerstags. Der Mittwoch bildet dabei ganz klar unseren Haupttag, an diesem Tag bieten wir insgesamt vier Workshops an, Beatboxen, Rap, Graffiti und Gesang. Dienstags ist Hip-Hop-Tanz dran und donnerstags Breakdance. Die verschiedenen Workshops werden von unseren Coaches geleitet.“

 

Ist Sprache manchmal ein Problem?

„Nein, nie. Die meistens Jugendlichen, die zu uns kommen, können schon echt gut Deutsch. Sie lernen und verbessern ihre Sprachkenntnisse auch durch den Rap. Auf welcher Sprache sie dann letztendlich Musik machen, ist komplett unterschiedlich. Die Entscheidung, in welcher Sprache sie ihre Geschichte erzählen wollen, wird ihnen überlassen. Wenn es sie nur in ihrer eigenen Sprache berührt, dann verwenden sie eben ihre Muttersprache.“

 

Mit welchen Partnern kooperiert ihr?

„Unser größter Kooperationspartner ist Basis und Woge e.V. Die anderen sind von Event zu Event unterschiedlich. Darüber hinaus haben wir weitere Sponsoren wie beispielsweise Fritz-Kola, Ratsherrn oder auch Ben & Jerry’s, die uns unterstützen.“

 

Wie finanziert ihr euch?

„Durch Fördergelder und Spenden. Wir sind sehr auf Spenden angewiesen. Diese sind in Bezug auf unsere Arbeit nicht zweckgebunden, wir können sie also da einsetzen, wo wir wollen. Bei den Fördergeldern sieht das schon anders aus. Wir haben eine sehr große Bandbreite, innerhalb derer wir Gelder benötigen, können aber nicht für alles Fördergelder beantragen. Hinzu kommt auch noch der Aspekt, dass wir an sich gar nicht eine so riesige Förderung haben wollen.“

 

Wann finden die nächsten Events statt?

„Unsere Events finden mittlerweile auch in anderen Städten statt, letztes Jahr waren wir beispielsweise in Berlin und Mitte Mai dieses Jahres in Leipzig. Das größte Festival findet aber nach wie vor hier in Hamburg in der Markthalle statt, immer im Februar. Darüber hinaus sind wir am 28. September im Dresden. Tagsüber bieten wir Schnupperkurse an bis dann am Abend das eigentliche Festival mit einem sechs-stündigen Programm startet.“

 

Welche Rolle spielen der Rap, die Musik in deinem eigenen Leben?

„Ich persönlich bin mit Sammy Deluxe aufgewachsen. Aber ich würde mich selber nicht als großen Rap-Kenner oder Hip-Hop-Fan schlechthin bezeichnen. Ich habe also kein unglaublich großes Wissen darüber. Ich glaube, mein Vorteil ist vor allem, dass ich sehr offen für viele andere Musikrichtungen bin, dass ich gerne alles höre und auch die Verzahnung von Hip-Hop mit anderen Musikrichtungen sehr, sehr liebe. Ich glaube auch, dass Hip-Hop auch noch lange, lange Zeit bestehen wird, weil es einfach die einzige Musik ist, die mit anderen Genres kooperiert, zusammenkommt und etwas auf die Bühne bringt. Musik im Allgemeinen entwickelt sich immer weiter. Momentan höre ich sehr viele Künstler, die auch auf unseren nächsten Festivals spielen werden, einfach, um mich vorzubereiten, um mich einzustimmen.“

 

Was wünscht du dir für die Zukunft von Rap for Refugees?

„Eine geordnete Struktur. Ich wünsche mir nicht mehr Geld oder so. Eine geordnete Struktur wäre erstrebenswert, eine Struktur, in der wir Ehrenamtliche entlastet werden. Erreichen kann man dies mit den richtigen Leuten. Es ist ein Kommen und Gehen, man lernt immer wieder neue Leute kennen, die Lust haben, mitzumachen, sich einzubringen. Davon gehen einige wieder, andere haben wenig Zeit. Ich hoffe sehr, dass wir es bis Ende 2019 schaffen, ein vernünftiges Team aufzubauen und dass die verschiedenen Aufgaben dann dementsprechend verteilt werden. Und natürlich wünsche ich mir, nach fünf Jahren einmal zurückzuschauen und festzustellen, dass wir wirklich gute und vor allem nachhaltige Arbeit geleistet haben.“

 

 

Das Interview führte Sophie Martin

Foto: Sophie Martin

 

 

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